Visita alle Dolomiti

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Mein Vater sagt immer: "morgens um 6:00 ist die Welt noch in Ordnung". Und so stellte ich meinen Wecker auf 5:15 Uhr. Die Tasche mit der Kamera und einen Rucksack hatte ich noch am Vorabend gepackt, sodass ich zeitig loskomme. Schon die Tage zuvor hatte ich mit Landkarten, Papier und Bleistift verschiedene Routen kreuz und quer durch die Alpen skizziert. Das Alpenfieber hatte mich wieder gepackt. Klingt idiotisch? Ist es auch! Der Weg ist das Ziel. Während angefacht von CO2-Diskussionen, E-Mobilität und Downsizing im Motorenbau derartige Roadtrips von der nächsten Regierung vermutlich unter Strafe gestellt werden, freute ich mich umso mehr auf den Augenblick, mit leichtem Gepäck aufzubrechen.
Die ersten Kilometer über die A81 bis zum Bodensee sei ausnahmsweise noch die Autobahn genehmigt. Nicht das reine zügige Geradeaus, sondern Adrenalin durch Zentripetalkräfte, das Ausloten des Fahrzeuges mit dem Popo-Meter und Achterbahngefühle in der Magengegend sind meine Ziele. Wie lange man sich solche Unvernunft noch erlauben kann? Nächstes Kapitel! Als die Sonne am Horizont erscheint, spüre ich eine wohlige Nervosität in mir aufsteigen.
Nur ein paar Kilometer fahre ich parallel zum Bodensee. Durch die geöffneten Seitenfenster kann ich das Wasser förmlich riechen. Doch schon bald biege ich Richtung Norden von der Bundesstrasse ab und groove mich auf die ersten Kurven durchs Allgäu ein. Der Satz meines Vaters schießt mir wieder durch den Kopf: hier ist wirklich die Welt noch in Ordnung. Vorbei an Tischlereien, Bauernhöfen und kleinen Tante Emma Läden, die bereits kurz nach 7 Uhr regen Zulauf haben. Keine Teenies an der Bushaltestelle, die mit gesenktem Kopf ausschließlich ihr Smartphone im Blick haben. Es riecht nach Heu und verbranntem Holz. Und Landjäger. Ich bekomme Hunger und beglückwünsche mich zu meiner Entscheidung, mir 2 Tage Auszeit zu gönnen.
Über Lech und die Flexengallerie komme ich durch die bekannten Nobel-Skiorte. Doch da ich heute nicht rückwärts vor Eisdielen einparken möchte, wie es all die PS-starken Boulevard-Racer tagtäglich praktizieren, halte ich hier nicht an. Die Vorfreude auf das heutige fahrerischen Filetstückchen, das Timmelsjoch, ist einfach zu groß. Auf dem Weg dorthin fährt mir ein Skoda zwischen den "Füßen" herum, und aus einer Kehre heraus mit etwas zuviel Gas, kommt mein Auto erst leicht quer und dann zackig am Skoda vorbei. Wir sind ja schließlich nicht zum Spass hier.
Ein kleiner Parkplatz zwischen zwei Kehren lädt zur Pause ein. Die Stullen von daheim sind nun Gold wert. Ich atme tief die klare Luft zwischen meine Zähne ein, lasse meinen Blick über das Panorama gleiten - verdammt, der Skoda kommt! Ein alter Mann, ich schätze ihn auf über 80, steigt aus und kommt auf mich zu. Also darauf habe ich jetzt gar keine Lust. Aber es kommt ganz anders: seine erste Frage "hat der eine Doppelkupplung?", lässt fast meine abgebissene Stulle in der Luftröhre enden. "Ja, hat er, warum?" - "Das habe ich gehört". Wir unterhalten uns lange über Fabrikatsbindung bei Reifen, Mittelmotorkonzepte und Schmiedekolben. 60 Jahre und fast 300.000km lang sei er Motorrad gefahren, und als ich erzähle, dass ich heute noch nach Cortina d´Ampezzo möchte, wird er fast melancholisch. Da sei er früher auch oft gewesen. Heute geht das leider nicht mehr. Er beglückwünscht mich noch zweimal zu meinem Gefährt und rollt winkend vom Parkplatz. Ich werfe mein Brotpapier in einen Mülleimer und begutachte noch einen KTM X-Bow, der unbesiegbare Terrier der Landstrasse, der rückwärts in Lauerstellung parkt. Hoffentlich habe ich den nachher oben in den Bergen nicht im Rückspiegel.
Es ist soweit: die Schranke zum Timmelsjoch öffnet sich für mich. Es ist Gott sei Dank wenig Verkehr, sodass ich neben der Landschaft endlich auch mein kleines Geschoss genießen kann. Ein kurzer, prüfender Blick auf Öldruck, Öltemperatur, Reifendruck, und los geht´s! Nicht auf Biegen und Brechen um die Kehren, sondern das Auto laufen lassen. Welchen Rat gab mir mein Bekannter, Augusto Farfus, seines Zeichens DTM BMW-Werksfahrer? "The speed comes with the flow". Jetzt zeigt sich der Mittelmotorsportwagen von seiner besten Seite. Er dreht sich förmlich gierig in die Kehren, kurzes Anbremsen, einlenken und am Scheitelpunkt mit dem Öffnen der Lenkung wieder aufs Gas. Besser als jede Achterbahnfahrt. Das Knallen der Auspuffanlage beim Runterschalten fährt mir jedesmal durch den Rücken, und ohne Seitenneigung der Karosserie greift sich mein Weggefährte eine Kurve nach der anderen. Kurvendiskussion in ihrer schönsten Form. Die BBC schrieb vor drei Jahren, der GTS hätte die aktuell schärfste Lenkung, die sie je getestet hätten. Yip!
Auf 2.509m ü.N.N. erreiche ich den Gipfel des Timmelsjoch. Knackend und knisternd steht mein Auto neben mir und trotz 10 Grad weniger, als im Tal, brennt die Sonne spürbar auf meiner Haut. Wie ergeht es wohl all den Rennradfahrern, die sich stundenlang den Berg hochkämpfen? Hut ab! Etwas nostalgisch wird mir dann doch, wenn man bedenkt, dass es jahrhundertelange Tradition war, das Timmelsjoch als Schmugglerroute zu nutzen und welche Bedeutung diese Pässe im Krieg spielten. Das Tor zum Süden oder "die heimliche Lücke in den Alpen", wie das Timmelsjoch auch genannt wird, spielte für die Kriegsstrategen eine große Rolle. So, genug Geschichtsstunde.
Bis zu meinem Tagesziel, Cortina d´Ampezzo sind es noch ein paar Stunden und so lege ich die verbleibenden Kilometer zügig zurück. Ich habe heute schon genug in der Kurve umkippende Motorräder, steinalte VW Busse mit "Atomkraft NEIN DANKE" Aufklebern und andere Verkehrsbehinderer gesehen. Als die Sonne über Cortina versinkt beziehe ich mein Hotelzimmer. 4 Sterne? Die Wolldecke auf dem Bett und der etwa 50 Jahre alte Holzstuhl in meinem Zimmerchen lassen die Vermutung aufkommen, dass es sich um italienische Sterne handeln muss. Egal. Ich befinde mich auf keinem Wellnesstrip mit Hautstraffung. Ein abendlicher Spaziergang durch die Innenstadt ist noch drin, tiefbraun gebrannte Menschen, adrett gekleidete Damen, laute Gespräche, hier ist Leben. Bella Italia. Ich gönne mir noch ein Pils in einer Bar. Löwenbräu! Na dann.
Früh aufstehen in Cortina war mein Motto. Als ich gegen 7 Uhr ans Auto komme, sind alle Scheiben angelaufen. Die Kälte der Nacht hat ihre Zeichen hinterlassen. Ein Ape Dreirad fährt knatternd an mir vorbei. Erinnerung an meine Kindheit kommt auf. Ich checke das Auto und starte die 6 Zylinder, die mit erhöhter Leerlaufdrehzahl den Dienst aufnehmen. Jetzt dürfte im Hotel für ein paar Gäste die Nacht dann auch beendet sein.
Mit einer Umrundung der Drei Zinnen beginne ich den Tag. Wenig Verkehr und perfekter Strassenbelag lassen mich mit der Fahrmaschine zur Einheit werden. Der GTS fühlt sich an, wie ein perfekt sitzender Lederhandschuh, aus dem man nicht wieder raus will. Apropos perfekt: die fast 2 Stunden lange Runde um die Drei Zinnen entpuppt sich als Traumroute, die ich ab sofort auf Platz 1 meiner persönlichen Strecken-Favourites führe. Danach komme ich ein letztes Mal durch Cortina d´Ampezzo und beginne die Rückreise.
Valparola Pass, Passo di Giao, Grödner Joch und zurück durch die Meraner Apfelplantagen, der GTS frisst die Kilometer gierig in sich hinein. Gleiches gilt auch für Äste, Blätter und Ungeziefer, die sich knapp über dem Boden aufhalten und durch die großen Öffnungen in der Front ungeniert eingesaugt werden. Ich merke, dass die Ingenieure in Weissach ungefilterten Fahrspass ganz dick im Lastenheft stehen hatten. Vor allem in den zügig gefahrenen Kurven wird die direkte und einstellbare Verbindung von Antrieb und Karosserie zum echten Gedicht. Die italienische Motorradjugend oder frustrierte Familienväter im Oktavia RS, die eben noch vor der Kurve auf 3,70m hinten aufgefahren waren, merken nach der Kurve, was Querbeschleunigungen ordentlich jenseits von 1g bedeuten: der vorgeschriebene Sicherheitsabstand ist plötzlich wieder hergestellt. Merke: jage nichts, was du nicht töten kannst, so ein alter Jägerspruch, oder wie die alten Römer sagen würden: noli persequi, quid non potes conficere.
1.300km später steht der GTS knackend und dreckig wieder auf meinem Hof. Wenn einer eine Reise macht, kann er was berichten. Es gibt jedoch Dinge, die kann man nicht berichten - man muss sie erleben.

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